Zeichnung eines Paares, das einander nachdenklich anschaut
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Differenzierungsbasierte Paartherapie im Wandel

Die differenzierungsbasierte Paartherapie ist ein Ansatz, der sich über die Jahre hinweg stetig weiterentwickelt hat. In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf die Ursprünge der differenzierungsbasierten Paartherapie, ihre Entwicklung und wie sie sich in der heutigen Zeit präsentiert.

Die Ursprünge der differenzierungsbasierten Paartherapie

Die differenzierungsbasierte Paartherapie hat ihre Wurzeln in den 1960er Jahren, als der amerikanische Familientherapeut Murray Bowen seinen systemischen Ansatz zur Familientherapie entwickelte. Bowen betonte die Bedeutung der emotionalen Differenzierung, also die Fähigkeit, zwischen eigenen Gefühlen und dem Denken zu unterscheiden und ein Selbstgefühl zu entwickeln, das von den Emotionen anderer unabhängig ist (Differenzierung des Selbst).

Im Laufe der Jahre haben zahlreiche Therapeut:innen und Forscher:innen den Ansatz weiterentwickelt und verfeinert, um den besonderen Bedürfnissen von Paaren gerecht zu werden.

David Schnarch und die Crucible(R) Paartherapie

David Schnarch entwickelte auf Basis des Differenzierungskonzepts einen eigenen Ansatz der Paar- und Sexualtherapie: Die Crucible(R) Paartherapie. Durch die Zusammenführung von Paar- und Sexualtherapie, zwei bis dahin meist getrennte Bereiche sowie eine ressourcenorientierte Sichtweise auf Probleme als notwendige Herausforderung zu persönlichem Wachstum und der Entfaltung des sexuellen Potentials, sorgte dieser Ansatz bei seiner Veröffentlichung für großes Aufsehen und inspirierte unter anderem Ulrich Clement zur Entwicklung der von ihm gelehrten systemischen Sexualtherapie.

Schnarchs Arbeit mit Paaren führte ihn zur Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der aktuellen Hirnforschung und zur Entwicklung seines Ansatzes Crucible-Neuro-Therapie zur Behandlung traumatischer Erfahrungen. Nach seinem Tod 2020 führen seine Frau sowie seine Tochter das Crucible-Institut fort und ordnen die Gedanken, Schriften und Fortbildungsunterlagen, um weiterhin Therapeut:innen aus aller Welt dieses Wissen und die unkonventionelle Herangehensweise Schnarch verfügbar zu machen.

Ellyn Bader, Peter Pearson und das Development Model der Paartherapie

Zwei weitere wichtige Namen im Feld der differenzierungsbasiert arbeitenden Paartherapie sind Ellyn Bader und Peter Pearson. Sie haben das Development Model der Paartherapie entwickelt, und bieten sowohl eine Onlineausbildung als auch einen interessanten Blog zu Fragen rund um die Arbeit mit Paaren an.

Gemeinsam ist den Ansätzen von Schnarch und Bader/Pearson die Grundannahme, dass Probleme in einer Paarbeziehung sinnvoll und notwendig sind, weil diese den notwendigen Schritt von der Fusion (Bowen) bzw. Symbiose (Bader) zur Differenzierung anzeigen. Das mit den Problemen verbundene Leiden treibt Menschen an, sich den Ängsten zu stellen, die (möglicherweise unüberbrückbare) Unterschiede zwischen zwei Partner:innen auslösen.

Beide Ansätze betonen aber auch, dass eine einfache Verhaltensveränderung bzw. ein weiterer Kompromiss oder weitere Anpassung an die Bedürfnisse des Gegenübers am Toten Punkt der Beziehung (Gridlock) nicht mehr möglich sind. Lösungen für unlösbar scheinende Probleme werden erst dann möglich, wenn die beiden sich entwickelt – mit anderen Worten – sich voneinander differenziert haben.

Differenzierungsbasierte Paartherapie heute

Während die differenzierungsbasierte Paartherapie in den USA ein anerkannter und weit verbreiteter Ansatz ist, der sich stetig weiterentwickelt, ist sie im deutschsprachigen Raum noch wenig bekannt. Es handelt sich nicht um eine Reihe bestimmter Interventionen und therapeutischer Techniken, sondern um einen neuen Blick auf Beziehungen. In der Therapie geht es nicht um die Lösung von Problemen oder Konflikten, sondern um die Arbeit an der Spannungstoleranz sowie die Fähigkeit zu wertegeleitetem Verhalten. Diese ermöglichen Intimität und Erfüllung in verbindlichen, auf Dauer angelegten Beziehungen, in denen die Widersprüchlichen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Individualität immer wieder neu ausbalanciert werden müssen.

Die Zukunft der differenzierungsbasierten Paartherapie

Die differenzierungsbasierte Paartherapie wird sich auch in Zukunft weiterentwickeln, um die in ihr angelegten zentralen Themen zu vertiefen und gezielter therapeutisch wirksam werden zu lassen. Wichtige Themen sind Embodiment, Emotionsregulation sowie Neuropsychologie.

Fazit

Die differenzierungsbasierte Paartherapie hat sich von ihren Anfängen in den 1960er Jahren zu einem umfassenden und vielseitigen Ansatz entwickelt, der Paaren dabei hilft, ihre Beziehung zu stärken und eine tiefere emotionale Verbindung zueinander aufzubauen. Die Entwicklungen und Forschungen von Therapeut:innen wie David Schnarch, Ellyn Bader und Peter Pearson haben maßgeblich dazu beigetragen, diesen Ansatz weiterzuentwickeln und zu verfeinern.

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Spannende Links zum differenzierungsbasierten Ansatz

Der Begründer des differenzierungsbasierten Ansatzes Murray Bowen ist einer der Väter der systemischen Familientherapie und im deutschsprachigen Raum wenig bekannt. Das Differenzierungskonzept und die Gedanken von Bowen haben in den USA eine größere Verbreitung gefunden, und es gibt interessante Informationen über diesen Ansatz im Netz.

Therapeut:innen mit dem differenzierungsbasierten Ansatz

In deutschsprachigem Raum gründeten sich nach den ersten Seminaren von David Schnarch in Deutschland, der Schweiz und Österreich Arbeitsgruppen, in denen Kolleg:innen einander beim Lernen und der Arbeit mit diesem Ansatz unterstützen.
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